EURO-ECO 2011Hanover21 - 22 November 2011 |
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| Matthias Benke Arnulf Mainzer |
Nachhaltigkeit in der landwirtschaftlichen Produktion – Gibt es Unterschiede zwischen Ost- und West-Europa? |
| Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Fachbereich Grünland und Futterbau, Oldenburg Arbeitsgemeinschaft Futtersaaten, Futterbau und Futterkonservierung e.V. (AG FUKO), Oldenburg |
Nachhaltigkeit bzw. nachhaltiges Wirtschaften ist eine Notwendigkeit, die zuerst im 15. und 16. Jahrhundert im Bereich der Forstwirtschaft ins Bewusstsein rückte. Holz war damals ein essentieller Wirtschaftsfaktor als Baustoff und Energieträger. Viele Wirtschaftsbereiche wie der Bergbau waren auf kontinuierliche Holzlieferungen angewiesen.
Die jeweiligen Landesherren erließen deshalb Gesetze, die sicherstellen sollten, dass Holzentnahme und Holzzuwachs sich in einem Gleichgewicht befanden, um nachhaltig, d.h. auch zukünftig, immer Holz in ausreichender Menge zur Verfügung zu haben. In diesem Zusammenhang hat z.B. der kursächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz im Jahre 1713 den Begriff Nachhaltigkeit verwandt.
Nachhaltiges Wirtschaften ist jedoch keine Erfindung von Förstern. Schon Jahrtausende vorher waren Prinzipien der Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft üblich. Man hat Saatgut erzeugt, Tierbestände aufgebaut, Pflanzen und Tiere züchterisch weiterentwickelt usw., um auch zukünftig Nahrung und Rohstoffe in ausreichender Menge zur Verfügung zu haben. Diese Form der Nachhaltigkeit war so normal, dass sich kaum ein Mensch Gedanken darüber machte.
Im Zuge des wissenschaftlichen Erkenntniszuwachses etwa ab dem 19. Jahrhundert wurde man sich weiterer Aspekte einer nachhaltigen landwirtschaftlichen Produktion bewusst. Nach aktueller Definition geht es nicht alleine um die Deckung einer Nachfrage, also im weitesten Sinne um wirtschaftliche und soziale Nachhaltigkeit, auch ökologische Aspekte sind zu beachten. Das Ineinandergreifen verschiedener Aspekte fassen ALLEN et al. (1991) in der Definition einer Nachhaltigen Landwirtschaft:
„Eine nachhaltige Landwirtschaft ist ökologisch tragfähig, ökonomisch existenzfähig, sozial verantwortlich, Ressourcen schonend und dient als Basis für zukünftige Generationen. Kernpunkt ist ein interdisziplinärer Ansatz, der die verschiedenen in Wechselbeziehung stehenden Faktoren berücksichtigt. Dies gilt für die gesamte Landwirtschaft sowie die verarbeitende Industrie im lokalen, regionalen und internationalen Maßstab.“
Ausgangspunkt der Frage, ob eine Landwirtschaft nachhaltig ist, ist immer der Standort. Seine Qualitäten bestimmen die Ertragsfähigkeit, die es durch einen bedarfsgerechten Einsatz von Betriebsmitteln auszuschöpfen gilt. Jedes Zuviel ist ebenso schädlich und beeinträchtigt auf die Dauer die Ertragsfähigkeit des Standortes ebenso wie ein Zuwenig. Dieses Gleichgewicht von Zu- und Abfuhr wird z.B. in Form von Nährstoffbilanzen erfasst. Wenn es gilt, einen Standort in bestimmten Eigenschaften in einen optimalen Zustand zu überführen, steht beispielsweise mit den Nährstoffgehaltsklassen in den Bodenanalysen ein geeignetes Werkzeug zur Verfügung. Das gilt analog auch in der Tierhaltung, wo etwa der Stall den Standort darstellt und zwischen den tierischen Leistungen und dem Futtereinsatz ein Gleichgewicht bestehen muss.
Der einschneidende Einfluss der Standortbedingungen verbietet starre Grenzziehungen etwa in der Düngung, erschwert aber auch den Vergleich unterschiedlicher Regionen hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit. Eine nachhaltige Landwirtschaft wird auf weniger optimale Standortbedingungen reagieren, indem sie die absolute Bewirtschaftungsintensität geringer ansetzt. Relativ gesehen kann dennoch eine ebenso hohe Bewirtschaftungsintensität gegeben sein und die Bewirtschaftung kann ebenso nachhaltig sein.
Eine nachhaltige Landwirtschaft wird immer bestrebt sein, in ökonomisch sinnvoller Weise ein Standortpotential auszuschöpfen. Hierzu werden auch Ökosysteme im Sinne der landwirtschaftlichen Nachhaltigkeit durch Meliorationsmaßnahmen aufgewertet und teilweise völlig umgestaltet. Im großen Maßstab, etwa durch die Trockenlegung und Inkulturnahme von Mooren im Baltikum oder durch die Verlegung von Leitungen für die Feldberegnung in Heidegebieten, sind diese Maßnahmen praktisch in ganz Europa abgeschlossen. Die heutige Aufgabenstellung besteht im Erhalt der Be- und Entwässerungseinrichtungen in einem bedarfsgerechten Zustand. Geschieht dies nicht, wie etwa im Oblast Kaliningrad, wo die Drainagen zu einem großen Teil beschädigt sind, wirkt sich dies im unerwünschten Sinne nachhaltig negativ auf die Leistungsfähigkeit des Standortes und die Ausschöpfung seines Potentiales aus. In gleicher Weise ist für Westeuropa zu hinterfragen, inwiefern die ackerbauliche Nutzung von zeitweise wasserbeeinflussten Grünlandstandorten die Nachhaltigkeit der Landbewirtschaftung an diesen Standorten erhöht.
Eine nachhaltige Landwirtschaft muss auch Konflikte lösen und Kompromisse eingehen, denn sie ist auch auf Leistungen angewiesen, die ihr gewissermaßen zufliegen, etwa in Gestalt nektarsammelnder Insekten. Gehölzstreifen als Maßnahme des Erosionsschutzes erfüllen hier eine zusätzliche Funktion als Lebens- und Rückzugsraum sowie als grüne Brücke für allerlei Nützlinge.
Sowohl in Ost- als auch in Westeuropa haben sich viele verschiedene Maßnahmen in der breiten Praxis etabliert, die eine Verbesserung der Nachhaltigkeit der landwirtschaftlichen Erzeugung bewirken. Dennoch gibt es sowohl in West- als auch in Osteuropa verschiedene Bereiche, in denen die Nachhaltigkeit gesteigert werden kann und sollte.
Ferner kann davon ausgegangen werden, dass im Zuge des weiteren wissenschaftlichen Erkenntniszuwachses auch weitere Möglichkeiten und Notwendigkeiten zur Steigerung der Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft erkannt werden.
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